Vorwort - Gegen das Vergessen

„Die Toten – was brauchen sie?“, so fragt eine junge Frau in Jorge Semprúns Roman „Die große Reise“. Gérard, der Erzähler, antwortet: „Sie brauchen einen reinen brüderlichen Blick und unser Gedenken“.

Als der Rat der Stadt Nordhorn 2004 auf Initiative des „Forums Juden/Christen“ einstimmig beschloss, den Künstler Gunter Demnig nach Nordhorn einzuladen, um das Projekt Stolpersteine durchzuführen, ahnte niemand, wie groß die Resonanz in der Bevölkerung sein würde

Innerhalb weniger Wochen hatte jeder „Stolperstein“ mindestens einen Paten gefunden. Angehörige der Opfer, Einzelpersonen, Schulklassen, Initiativen, Geschäftsleute oder ehemalige Freunde, Nachbarn und Mitarbeiter der Opfer übernahmen spontan die Patenschaft.

Die Hölle der Vernichtungsmaschinerie unter der NS Diktatur ist kaum in Worte zu fassen und schon gar nicht zu begreifen. Sicher – wir haben Archive und Bibliotheken. Sie dokumentieren die Barbarei des Holocaust. Aber können wir uns mittels Akten eine wirkliche Vorstellung davon machen, dass Millionen Menschen ihr Leben lassen mussten? Lassen Statistiken mitfühlen? So wichtig die wissenschaftliche Aufarbeitung des Holocaust ist, mindestens ebenso wichtig ist die direkte Auseinandersetzung. Und sie wird mit wachsendem zeitlichen Abstand vom Geschehen eher noch wichtiger. Denn die emotionale Dimension der Vermittlung, wie es mit dem Projekt „Stolpersteine“ gelingt, ist genauso notwendig wie das Lernen von Fakten.

Die „Stolpersteine“ in Nordhorn stehen als Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus – für Menschen, die im 3. Reich systematisch vernichtet wurden. Aber sie sind ebenso Mahnung. Mahnung, dass wir nicht müde werden zu betonen: Demokratie, Toleranz und Humanität sind keine selbstverständlichen Gewissheiten, sondern setzen das fortdauernde Engagement jedes Einzelnen voraus.

Meinhard Hüsemann, Bürgermeister, der Stadt Nordhorn